Prolog
Im Allgemeinen und im Speziellen spricht überhaupt gar nichts dagegen ein paar Tage goldenen Oktober mit dem Bike im Hochgebirge zu verbringen, oder? Die Luft klar, die Farben bunt und die Trails leer. Wetter gut, also nichts wie hin 🙂

Der erste Tag: Freitag 11.Oktober 2019

Tschierv – Ofenpass – Alp Buffalora – Fuorcla del Gel – Alpe del Gallo – Passo di Val Mora – Döss dal Termel – Süsom Givè – Tschierv

Nach der Anfahrtsquälerei über BAB, Fern- und Rechenpass kam ich am frühen Nachmittag in Sta. Maria im Val Müstair an. Der Check-in im Hotel Stelvio war noch zu und so hab ich die Bikeklamotten angeschmissen und bin, ohne viel Zeit zu verlieren, mit dem Auto hoch nach Tschierv gedüst. Das nächste Postauto sollte von dort in wenigen Minuten hoch zum Ofenpass fahren. Man musste dem Fahrer tatsächlich signalisieren das man mit will. Der hatte die Tür schon geschlossen, aber auf mein Klopfen hat er freundlicherweise mein Bike und mich doch noch mit auf den Pass genommen. Oben angekommen bin ich erstmals Richtung Süden aufgebrochen. Der Biketag begann dann auch gleich mit einem sahnigen Superflowttail der Berg runter zur Alp Buffalora. Wie zum Biken angelegt, in sanftem Auf und Ab, fliege ich über die Wegspur. Ein super Start ins Wochenende! Das ließ die zähe Autoanfahrt schnell vergessen. Und weiß gesprenkelt war der Bolide auch gleich, denn die Tage davor hatte es offensichtlich ganz ordentlich geregnet. Der Boden war noch gut durchnässt und der Steinstaub hatte sich mit dem Wasser zu einer weißgrauen Masse vermischt.

Nach dem gemütlichen Teil begann aber jetzt die Arbeit. Es ging kräftig bergan, so steil dass ich bald schieben musste. Auf dem Weg kam ich an einer Wassertränke vorbei und die Wasseroberfläche war von einer dünnen Eisschicht überzogen. So kalt war es doch gar nicht – scheinbar doch. Das es viel geregnet hatte, bevor mein Wochenendhoch „Lisbeth“ für einige, sonnige Tage sorgte, hatte ich schon auf dem Trail vom Ofenpass gemerkt. Die weißgraue Pampe klebte nicht nur am Bike, sondern auch in meinem Gesicht und trotz der Kälte kam ich gut ins Schwitzen. Nach der Steigung öffnete sich die Alm Buffalora und der Blick auf den weiß, gepuderten Piz Daint wurde frei. Dazu die gelblich gefärbten Lärchen. Das erste Selfie musste her.

Tolle Herbstfarben! Im Hintergrund der weiß-gepuderte Piz Daint den ich 2 Monate zuvor im Sommer besucht hatte.

Nach einiger Zeit gemütlichem Radeln über die Alm kam ich an den Fuorcla del Gel, der die grüne Grenze nach Italien war. Auf der Karte war eine vielversprechende Zickzack-Abfahrt bis runter zum Ufer des Lago di Livigno eingezeichnet. Der Weg war okay, aber eher unspektakulär. Der See kam immer besser zur Geltung, tolle Blautöne, dazu die glühenden Lärchen.

Letzte Sonnenstrahlen oberhalb des Lago di Livigno.

Aber die Zeit drängte langsam. Die Sonne verschwand schnell hinter den hohen Gipfeln und es wurde merklich kälter. Ich kurbelte weiter bis zum Wendepunkt mit dem Abzweig zum Passo di Val Mora, der die grüne Grenze zurück in die Schweiz war. Die Alpe Mora ließ ich für heute rechts liegen. Im Sommer hatte ich hier eine gepflegte Mittagspause gemacht. Der 300+hm Schiebeanstieg war genauso hart wie im Sommer. Nach der Döss tal Termel Hochebene kam nochmal ein zünftiger Trail. Und den knackigen Schlußtrail runter zum Ofenpass hatte ich auch noch vom Sommer in Erinnerung. Damals bin ich hier nach der außergewöhnlichen Abfahrt vom Piz Daint eingebogen.

Die letzten Sonnenstrahlen streicheln die Berggipfel. Schon bald wird es zappenduster.

Am Ofenpass angekommen war das Licht schlagartig weg. Schon um 19 Uhr war es fast dunkel. Logisch Mitte Oktober.. Aber den ursprünglichen Plan eine der bekannten Schleifen nördlich vom Ofenpass dranzuhängen, hatte ich schon im Val Mora verworfen. Aber das ich diese schnelle Abfahrt vom Pass bis Tschierv jetzt im Dunkeln und ohne Licht machen musste war blöd. Gut das ich den Wegverlauf vom Sommer noch kannte. Vor 2 Monaten erst bin ich den gleichen Weg einmal runter und auch hochgetreten. Ich hatte meine Lampe im Rucksack und lies sie auch dort. Am Auto angekommen war es stockdunkel. Aber ich war froh, kaputt und glücklich als ich wieder in meinem gemütlichen Hotel Stelvio war.

Zum Abendessen war ich wieder zu Gast in der Barlaina (http://www.chasa-jaro.ch/bar) nur wenige Schritte vom Hotel entfernt. Und wie immer nach langen Hochgebirgstouren brauchte ich eine Weile, um zur Ruhe zu kommen. Gute Nacht und bis Morgen!

Der zweite Tag: Samstag 12. Oktober 2019

Teil 1: Franzenshöhe – Stilfser Joch – Tibethütte – oberer Tibettrail – Franzenshöhe.
Teil 2: Trafoi – Franzenshöhe – unterer Tibettrail – Trafoi.

Am Morgen kurvte ich mit dem Auto die Kehren rauf zum Pass Umbrail und weiter über den Passo Stelvio, auf der anderen Seite die Passstrasse wieder runter bis zur Franzenshöhe. Dort stellte ich das Auto ab und kurbelte mit dem Bike die soeben befahrene Strasse wieder rauf. Oben am Pass war geschäftiges Treiben aus Motorradfahreren, Rennradlern und allerlei Touristen. Ich konnte sogar die kroatische Skinationalmannschaft in voller Montur auf dem Weg zum Gletscher bewundern. Ich hielt mich hier nicht lange auf und kletterte gleich weiter zur Tibethütte. Hier auf der Sonnenterasse lies es sich gut aushalten. Die Sonne heizte ordentlich ein und es fiel mir ein wenig schwer mich an den Aufstieg zum Traileinstieg zu machen. Ich musste das Bike noch ein paar Meter auf die Schultern nehmen, bis der Wanderweg sich endlich abwärts neigte. Vorhin von der Passstraße hatte ich immer wieder in Richtung der Schneefelder geblickt und hoffte, dass ich da heil durchkomme. Jetzt war ich mitten drin und hatte einen Heidenspaß. Vor 2 Wochen hatte es hier oben gute 30cm geschneit. Davon waren nur noch weniger Zentimeter übrig und diese schraubten den Spaßfaktor mächtig nach oben.

Schneespaß auf 2900m ü.NN. Keine andere Bikespur zu erkennen 🙂

Der Trail war nicht sonderlich schwer und durch das Schneesurfen stimmte einfach alles. Dazu das unschlagbare Panorama auf den König Ortler und die benachbarten Gipfel.

Wow! Panobiken vor der steilen Felsenflanke des Ortlers.

Genauso hatte ich mir das vorgestellt. Einige Meter tiefer war der Schnee Geschichte. Dafür wurden die Kehren enger und der Weg steiler.

Schnee-Schotter-Trail-Surfen-Spass!

War mir Recht so und ich ganz in meinem Element. Mit ordentlich Flow erreichte ich viel zu schnell wieder die Franzenshöhe.

Erste Lärchen in tollen Farben.

An einer Bank machte ich ein Nickerchen und fuhr im Geiste nochmal den Trail ab.

Pause!

Zurück am Auto beschloss ich runter nach Trafoi zu fahren und von dort mit dem Bike über die Passstraße wieder hier hoch zur Franzenshöhe zu fahren, um dann auch den unteren Teil des Tibettrails zu erfahren. Gesagt getan. Im ersten Stück kurbelte ich durch den Wald, bis die Strasse wieder den Blick nach oben zum Stilfser Joch freigab. Ganz klein konnte ich die Tibethütte erkennen, wo ich vor ein paar Stunden noch die wärmenden Sonnenstrahlen genossen hatte. Der Einstieg in den Tibettrail war schnell gefunden. Der Trail wurde jetzt von Meter zu Meter wilder. Kaum eine der Kehren war noch ohne Hinterradversetzen zu meistern und häufig musste man dabei auch noch mächtige Wurzeln überwinden. Die Abfahrt war jetzt deutlich anstrengender als das monotone Bergaufkurbeln auf der Passstraße.

Am Beginn des unteren Tibettrails.

So muss das sein 🙂 Die eine oder andere Schlüsselstelle probierte ich mehrmals, bis ich sie schaffte oder eben aufgab.

In einer Kehre dann endlich eine hölzerne Bank. Der richtige Platz für eine ausgiebige Pause. Fast senkrecht über mir der mächtige Eispanzer des Ortlers. Tief unter mir die Schlucht des Rio Trafoi. So endlos müssten Trails einfach immer sein.

Bisher war der Weg kaum zu verfehlen, aber jetzt wählte ich doch einmal den falschen Abzweig. Nach einigen 100 Metern kehrte ich um. Immerhin bekam ich einige beeindruckende Tiefblicke in eine Felsenschlucht mit einem schönen Wasserfall zu sehen. Der Wanderweg schlängelte sich schließlich immer links oder rechts des Flüsschens bis Trafoi. Mit dem Auto kurvte ich wieder hoch zum Stelvio. Auf halber Strecke brach die Dunkelheit herein. Auch diesmal hatte das Timing ganz gut gepasst.

Der dritte Tag: Sonntag 13. Oktober 2019

Passo Stelvio – Goldseetrail – Furkelhütte – La Scharta/Piz Chavalatsch – Plaun Radond – Plazzöl – Val Torra – Müstair.

Auf den örtlichen Shuttlebetrieb von Romex (https://ridelaval.com/bikeshuttle/) war Verlass. Der per Mail und Telefon bestellte Bus war pünktlich um 8:45 Uhr vor der Post in Müstair. Ich hätte auch schon vorher zusteigen können, denn der Shuttle parkte am gleichen Parkplatz am Ortsausgang von Müstair, wo ich mein Auto für die Rückfahrt am Abend abstellte. Nur 2 andere Biker stiegen mit mir zu. Die 25 Fränkli mussten sofort und passend ausgeklinkt werden. Dann ging es los. Bis nach Sta. Maria natürlich zu meinem Hotel Stelvio. Ein zweites Shuttle vom gleichen Betrieb fuhr vor und es stieg eine große Gruppe Biker zu. Dem Dialekt nach scheinbar alles Schweizer. Beide Busse waren voll. Alle wollten zum Umbrail Pass. Nur mein Bike blieb als Einziges auf dem Hänger, denn ich wollte weiter hoch zum Passo Stelvio. Der Sentiero Nr. 20 ist bekanntlich von 9-16 für Biker gesperrt. Es war inzwischen schon 9:45 Uhr. Mein Fahrer meinte das sei um diese Jahreszeit kein Problem und ich fuhr einfach hinein ins Trailvergnügen.

Goldseetrail voraus!

Nur einem einzigen Biker begegnete ich, auch Wanderer waren fast keine unterwegs. Der Trail war leicht zu fahren, dass Panorama über die Ortlergruppe sensationell. Die wenigen kleinen Schneefelder rutschte ich durch, manchmal war es durch den Schnee matschig, aber alles easy.

Flow und Panorama stimmte.

Der Goldsee ist ein winziger Tümpel, nicht unbedingt ein Highlight, aber als Namensgeber für die Abfahrt allemal tauglich.

Unten rechts im Bild versteckte sich der Namensgeber des legendären Trails.
Den Ortler immer im Blickfeld.

Waren es bis hierher nur wenige Steinfelder die geschoben werden mussten, gab es allerdings bis zur Furkelhütte mehrere Steilstücke, teilweise mit Stufen verblockt. Für mich heute nicht alles fahrbar.

Au dem hier gut fahrbaren Steilstück kurz vor der Furkelhütte. “Brennende” Lärchen schauten genau zu.

Das kleine Wäldchen vor der Furkelhütte erstrahlte in tollen Herbstfarben. Auch der folgende breitere Weg war im Indiansummer. Am Punkt 2272 zweigte der Wanderweg 4a zum Piz Chavalatsch ab. Ich schulterte mein Velo, konnte aber ein gutes Stück wunderbaren Trail genießen. Schließlich war aber Tragen angesagt. Viel Tragen! An 2 kleinen aber wunderbarem Seechen vorbei dem Himmel entgegen.

Lieblingsbild 🙂

Auf der Spitze des Piz tronte eine Steinhütte. Ich wusste aber, dass es knapp 200 Höhenmeter weiter unten eine Scharte gab, durch die ich auf die andere Talseite kam. Oben war ein Grenzstein von 1936, ich stand hier direkt auf der Landesgrenze: ein Fuß in Italien, der andere in der Schweiz. Der Abfahrtstrail war scheinbar selten begangen, der Pfad war nicht ganz einfach zu finden, aber es ging steil runter und irgendwie fanden sich immer wieder rot/weiß Markierungen. Ab dem Abzweig zum Döss Radond wurde das Weglein zu einem interessanten Trail und führte bald durch einen Herbstzauberwald. Am Schluss wartete noch ein spitzen Kehrenfeuerwerk auf mich, bis zur Dorfwiese. Vielversprechend war schon am Anfang des Trails der Ride la Val Aufkleber des örtlichen Bikeklubs. Was für ein Ritt, was für eine Supertour! Ich schaute in Müstair noch kurz bei dem alten Bauernhaus mit der Holzrampe vorbei, über die Danny MacAskill beim Home of Trails Video einen Salto geschlagen hatte – unglaublich wenn man so direkt davor steht. Ich rolle tiefenentspannt zum Auto zurück und es wurde Nacht. Wieder hatte das Timing gut gepasst.

Der vierte Tag: Montag 14. Oktober 2019

Tschierv – Ofenpass – Valbella – Alp da Munt – Alp Champatsch – Tschierv.

Heute endete mein Bikeausflug ins Val Müstair. Das wunderbare Herbstwetter hielt an, also startete ich noch eine kleine Abschlußschleife. Ich startete früh mit dem Postauto zum Ofenpass. In herrlichem Morgenlicht stieß ich mein Bike den Hang rauf. Dieses Mal wollte ich neues Terrain erkunden und die beiden Gipfel Munt da la Bescha im Uhrzeigersinn umrunden. Mit dem weiß gepuderten Gipfel des Piz Daint im Rücken gab es tolle Aussichten in den Schweizer Nationalpark. Ich bewegte mich auf einem herrlichen Wanderweg, der sich hier um den Hang der Valbella schlängelte. Die anschließende Abfahrt durch das Mischuns Skigebiet war unspektakulär und schnell gemacht. Schließlich querte ich über die Fuorcla Funtana da S-charl zur Alp da Munt wieder rein in schon bekanntes Terrain. Mein Ziel war der schöne Trailabschnitt zur Alp Champatsch und weiter steil abwärts nach Tschierv. Traumhaft schön durch die herbstlich, gefärbten Bäume der Sonne entgegen zu cruisen.

Das alles war viel zu schnell zu Ende. In Gedanken an 4 schöne Tage in den Bergen packte ich alles ins Auto und verabschiedete mich vom wunderschönen Val Müstair bis zu einem nächsten Besuch irgendwann.


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